Künstliche Paradoxien

Die neue Ausstellungsserie „Zu Gast bei Supper“ erweitert temporär das bisherige Programm der Galerie um eine kuratierte Gruppenausstellung mit Werken dreier Künstlern, die erstmals in Baden-Baden gemeinsam ausstellen werden. Den Auftakt der ein Mal im Jahr stattfindenden Serie bildet die Ausstellung „Künstliche Paradoxien“, kuratiert von Hendrik Bündge, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden.


„Künstliche Paradoxien“ vereint jene ästhetischen Gegensätze, die sich in den unterschiedlichen Werken von Martin Eder (*1968), Marco Habeck (*1983) und Martin Wühler (*1983) widerspiegeln: Realität und ihre Fiktion, Planung und Zufall oder der bewusst ironisch gebrochene Umgang mit gängigen Motiven.

Letzteres findet sich in den Aquarellen von Martin Eder wieder: Aufreizende Frauenakte werden mit Katzendarstellungen kombiniert und erwecken zunächst den Eindruck von Kitsch. Der süßlichen Farbigkeit der Werke steht die meisterhafte Beherrschung der Motivik in Nass-in-Nass-Technik gegenüber, die an die Grenzen der Realität führt. In seinen Skulpturen werden Styroporköpfe mit ätzender Flüssigkeit übergossen und dieser Zustand anschließend metallisch fixiert. Das Ergebnis schwankt zwischen Planung und Zufall und verleiht den Köpfen eine doppelt eingeschriebene Memento Mori Funktion.
Marco Habeck simuliert das scheinbar Reale mit fotografischen Mitteln. Ein Baumstumpf wird bei ihm zum Ausgangspunkt einer digitalen Erzählung, dessen einzelne Elemente wiederum Fragen aufwerfen. Ein digital eingescannter Kieshaufen wird zur Wolke oder zum Sonnenschirm und konfrontiert den Betrachter mit der Erwartungshaltung seiner Vorstellung von Welt. War der Fotografie immer schon ein Abbildcharakter eingeschrieben, wurde bereits im späten 19. Jahrhundert versucht, durch Manipulationen wie dem inszenierten Tod, Geistererscheinungen oder Verdoppelung der Belichtung die Grenzen technischer Möglichkeiten auszureizen und einen wahrhaftigen Eindruck der Simulation abzutrotzen. Fotografie erfährt bei Habeck eine zeitgenössische Erweiterung: Mit Techniken wie Rendering und dem Einsatz zahlloser Bildbearbeitungsprogramme entstehen Werke, die den Vormarsch des Digitalen belegen: die Simulation der Realität und das Zweifeln am Kunstwerk.

Martin Wühlers in der Ausstellung gezeigtes großformatiges Triptychon folgt einerseits einem strengen seriellen Raster, in dessen gleich große Kästen er Abdrücke von Seifenblasen auf den Blattgrund gebannt hat. Die potentiell explosive Mischung aus Glycerin, Glucose, Tenside und Seifenlauge, an der Wühler jahrelang feilte, zeigt andererseits den Versuch, Kategorien wie Raum und Zeit sichtbar zu machen. Einzelnen Arbeiten mit Seifenblasen mischte Wühler zusätzlich Chromfarbe bei, die je nach Lichteinfall in faszinierend schillernden Reflektionen erfahrbar werden. Das Paradoxe der Künstlichkeit als Kritik an einer Kunstauffassung, die stark durch die Philosophie des 19. Jahrhunderts geprägt wurde, stellt somit unser Verständnis von Kunst auf eine ständige Probe.